Die Big 3 der Financial Literacy

Die Big 3 der Financial Literacy

Wie gut verstehen wir grundlegende finanzielle Mechanismen? In der Forschung hat sich dafür ein kompaktes Messinstrument etabliert: die sogenannten «Big 3» der Financial Literacy. Sie bündeln drei Schlüsselideen — Zinseszins, Inflation und Risikodiversifikation — und zeigen, woran finanzielle Bildung oft scheitert.

Finanzielle Kompetenz wird in der Wissenschaft oft über drei zentrale Konzepte definiert, die sogenannten «Big 3». Dieses Framework wurde massgeblich von den Ökonominnen Annamaria Lusardi und Olivia S. Mitchell entwickelt. Ihr Ziel war es, mit wenigen, präzisen Fragen das Verständnis für Zinseszins, Inflation und Risikodiversifikation messbar zu machen. In einer ihrer grundlegenden Studien (Lusardi & Mitchell, 2011) zeigten sie auf, dass weltweit – selbst in entwickelten Volkswirtschaften – erhebliche Wissenslücken bei diesen Basismechanismen bestehen. Auch in der Schweiz wird dieses Modell regelmässig angewendet, um den Stand der Finanzbildung zu evaluieren. 

In einer Studie der Universität Zürich von 2024 unter der Leitung von Prof. Uschi Backes-Gellner und Dr. Maddalena Davoli zu «Financial Literacy» in der Schweiz und im weltweiten Vergleich schnitt die Schweiz sehr gut ab. Die Fragen der Studie wurden so formuliert, dass die Antworten im Sinn der Big Three vergleichbar sind. 54 % aller Befragten beantworteten alle Fragen korrekt. Norwegen und Schweden liegen mit 70 % vor der Schweiz.

Zinseszins

Das erste Merkmal prüft das Verständnis für die Verzinsung von Zinsen. Es geht darum, ob Menschen das exponentielle Wachstum von Kapital über die Zeit korrekt einschätzen können. Jedoch zeigen viele Anlegende Schwierigkeiten damit, die langfristige Wirkung des Zinseszinses numerisch zu erfassen; während das Prinzip theoretisch oft verstanden wird, zeigt sich in der Praxis oft der sogenannte «Exponential Growth Bias» – die menschliche Tendenz, lineares Wachstum zu erwarten, wo eigentlich exponentielles Wachstum stattfindet.

Inflation

Das zweite Konzept befasst sich mit der Kaufkraft. Es stellt die Frage, ob bekannt ist, dass Geld bei steigenden Preisen an Wert verliert, wenn es nicht mindestens mit der Inflationsrate verzinst wird.  Eine Umfrage von Raiffeisen zum Beispiel zeigt, dass das Konzept der Inflation in der Schweiz gut verstanden wird. Rund 87 % der Befragten wissen, dass die Kaufkraft sinkt, wenn die Inflation grösser ist als der Zins.

Die Daten der Schweizerischen Nationalbank (SNB) belegen zwar eine im internationalen Vergleich niedrige Teuerung, verdeutlichen aber auch, dass über Jahrzehnte hinweg die kumulierte Inflation den Wert von Bargeld dennoch erheblich verkleinert.

Risikodiversifikation

Das dritte Merkmal nach Lusardi & Mitchell ist die Risikostreuung. Hier wird geprüft, ob verstanden wird, dass die Anlage in ein einzelnes Unternehmen (z. B. eine Aktie) risikoreicher ist als die Anlage in einen breiten Korb verschiedener Wertpapiere. Das Verständnis für Diversifikation korreliert stark mit dem Bildungsgrad und der Erfahrung im Umgang mit Finanzprodukten.